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Naziaufmarsch in Marienfels

 

Marienfels: Ein beschauliches 370 Einwohner zählendes Dörfchen im Rhein-Lahn-Kreis zwischen Koblenz und Wiesbaden.

Wie viele andere Dörfer auch besitzt es einen Friedhof. Nur auf diesem steht seit nun mehr 30 Jahren ein Gedenkstein für die „1. SS Leibstandarte Adolf Hitler“. Diese machte 1939/40, bevor sie den deutschen Vernichtungskrieg als Elitetruppe an vorderster Front mitbetrieb und hinter der Front maßgeblich mitverantwortlich war für Deportation und Ermordung von Jüdinnen und Juden, noch einmal Halt in Marienfels. Auch nach der Zerschlagung Nazi-Deutschlands blieb Marienfels seinen ehemaligen Gästen freundschaftlich verbunden und verpachtete 1971 dem "Kameradschaftsverband der ehemaligen Waffen-SS" ein Stück Land auf dem Friedhof, wo schließlich das

„Ehrenmal“ errichtet wurde.

Nun nach über 30 Jahren ist der Pachtvertrag abgelaufen und die Gemeinde will den „SS-Stein“ entfernen lassen, was zum größten Teil auch daran liegt, dass sich das Bild der jährlichen Gedenkveranstaltung immer mehr verschoben hat: Weniger Alt- dafür mehr Neonazis mit Glatze und Bomberjacke.

Gegen den geplanten Abriss demonstrierten deshalb am 22. November rund 300 Neonazis, größtenteils aus dem Spektrum der freien Kameradschaften, die unter anderem aus Rheinland-Pfalz, Hessen, NRW, Baden-Württemberg und Niedersachsen angereist kamen.

Als Redner trat auch der bundesweit aktive Neo-Nazi Thomas „Steiner“ Wulff auf.

An einer Gegendemonstration der „Allianz der Vernunft“ beteiligten sich ca. 500 Menschen, überwiegend aus dem bürgerlichem Lager. Und was mensch auf dieser „antifaschistischen“ Demo geboten bekam, war mehr als bezeichnend, denn Marienfels probte den „Aufstand der Anständigen“. Schließlich ging es ja um das Ansehen und den Ruf ihres kleinen deutschen Dörfchens. In den Redebeiträgen wurde der „demokratische Konsens“ beschworen und immer wieder daraufhingewiesen, dass man Verständnis haben soll, wenn Menschen um gefallene Soldaten trauern. Die kleine Gruppe Antifas war mehr als unerwünscht und wurde mehrmals aufgefordert radikalere Parolen, die sich gegen den Staat Deutschland richteten, zu unterlassen.

Eines gutes Zusammenspiel gaben auch Demoleitung und Polizei ab. Während die Polizei ständig die gesamte Demo abfilmte, zogen sie gemeinsam mit der Demoleitung durch die Demo und forderten Teilnehmer auf ihre “Vermummungen“ (wie z.B. Sonnenbrillen) abzunehmen. Höhepunkt dieser Zusammenarbeit war dann die Abschlusskundgebung, wo der Polizei für die "Gewährleistung der Sicherheit der DemonstrantInnen" gedankt wurde.

Apropos Team-Green: Bei dem größtem Einsatz in der Geschichte der Polizeiinspektion Koblenz schaffte es die Polizei die beiden Demonstrationen strikt voneinander zu trennen. Dabei glänzte sie auch mit schikanösen Vorkontrollen, bei denen GegendemonstrantInnen z.B. Nieten und Aufnäher von den Jacken entfernen mussten.

Na ja, wie man in der Rhein-Zeitung nachlesen konnte, hat es mit der Trennung in Koblenz wohl nicht mehr geklappt...

 

 

Rhein-Zeitung 24.11.2003